Das ganze Interview mit der Zeitschrift DOGS

„Sollten wir strenger zu unseren Hunden sein?“

Gaby Abels, 50, ist seit 30 Jahren Trainerin für Menschen mit Hund in Hamburg. Sie steht für klare und konsequente Führung, bei der durchaus auch Grenzen für Hund, aber auch Mensch gesetzt werden. Gaby Abels ist spezialisiert auf Körpersprache/Kommunikation unter Hunden. Angefangen mit Problemhunden (Angst und Aggression), ist ihr Schwerpunkt seit 1996 vorausschauendes Welpentraining.

Mein Ansatz ist „Menschentraining“. Ich mache dem Hundebesitzer seinen Hund bewusst. Jeder Mensch hat unterschiedliche innere Antreiber, der eine hat ein starkes Führungsverhalten, der andere ist ein Teamplayer, manche Menschen sind lieber unabhängig, andere suchen die Nähe ihrer Familie. Bei Hunden ist dies genauso, sie unterscheiden sich von Rasse zu Rasse. Jede Paarung von Mensch und Hund ist somit einzigartig. Daher bekommt jeder Kunde von mir eine ganz individuelle Einschätzung. Selbst bei verschiedenen Menschen mit der gleichen Hunderasse wird diese niemals gleich sein. Während des Trainings, dem Kennenlernen des eigenen Hundes und des Anpassen des Hundes auf den Menschen, setzte ich auch Grenzen.

Bei mir lernen die Hunde erst einmal „Nichts“ tun. Das ist die schwerste Übung: Der Hund bleibt auf seiner Decke und darf erst mit einem bestimmten Kommando diese wieder verlassen. Verlässt er diese aus eigener Motivation hört er unmittelbar ein „Nein“ und wird zur Decke zurück gebracht. Hier erwarten wir von dem Hund eine beschwichtigende Körpersprache, sonst kam das „Nein“ beim Hund als Korrektur nicht an. Eine beschwichtigende Körpersprache wird gerne als Angst gedeutet. Sie ist aber nur Kommunikation des Hundes und bedeutet, keinen Streit mit uns haben zu wollen.
Ich halte dies für eine gute Grundlage im Zusammenleben mit einem Hund. Im Konfliktfall möchte ich von meinem Hund eine beschwichtigende Kommunikation sehen, damit er keinen Erfolg mit seinem Fehlverhalten hatte. Dieses „Nein“ in Verknüpfung mit körperliche Ruhe (auf der Decke bleiben) lässt sich dann auch gut bei Aktionen einsetzen, die einen Abbruch zur Folge haben sollten (Angriff, Jagdverhalten).

Wenn ein Hund Interesse an Joggern und Radfahrern zeigt, wird er vor jedem Kontakt an den Rand geführt, er bekommt das Kommando „Bleib“ und die Besitzer stellen sich davor. Der Hund hat ja von Anfang an gelernt, dass das dann bedeutet „Nichts“ zu tun… Wir stehen „schützend“ vor unserem Hund und lassen die Passanten vorbei. Wenn wir das konsequent machen, zeigt der Hund schon nach kurzer Zeit ein bestimmtes Verhalten wenn sich Passanten nähern: Er sieht den Passanten, schaut dann uns an und fragt, ob er sich rechts oder links an den Rand stellen soll. Wir zeigen in eine Richtung, gehen zu ihm und stellen uns davor und später bleiben wir nicht mehr stehen, sondern gehen zum Hund und nehmen ihn am Rand führend mit an den Passanten vorbei. Futter brauchen wir höchstens beim Trainingsbeginn für den Ranruf, später für diese Übung nie. Der Jogger selbst wird so zum Auslöser „Nichts“ zu tun.

Ich erlebe sehr häufig, dass Hundebesitzer über positiv Verstärkung das Fehlverhalten belohnen, weil sie die Gesamtsituation nicht richtig einschätzen können. Da läuft ein Hund sehr weit oder sehr schnell weg, die Menschen werden unsicher, rufen ihren Hund und wenn er dann zurück ist, bekommt er eine Belohnung. Der Abruf an sich funktioniert auch immer tadellos. Hört sich doch erst einmal vernünftig an, doch der Hund lernt dabei, dass die Entfernung nur weit oder die Geschwindigkeit des Weglaufens nur schnell genug sein muss, dann rufen die Menschen und geben eine Belohnung. Gerade aktive Hunde (Terrier, Hütehunde) haben das ganz schnell verstanden und nutzen dieses Spiel methodisch aus.
Wenn sich bei uns ein Hund unerlaubt, zu weit oder zu schnell entfernt hört er nicht den Abruf „Hier“ sondern den Abbruch „Nein“ und muss dieses unerwünschte Verhalten unterbinden ohne am Ende mit Futter da zu stehen. Abgesichert ist die Trainingssituation natürlich mit einer Schleppleine. Bei uns bekommen die Hunde eine Belohnung, wenn sie von vornherein erwünschtes Verhalten zeigen. Ist er also in unserer Nähe und trottelt einfach mit, dann rufen wir ihn „ohne erkennbaren Grund“ und er bekommt Wurst. Verhält er sich unauffällig, dann bekommt er positive Aufmerksamkeit. Zeigt er sich auffällig, bekommt er ein „Nein“.

Allgemein bekommt ein Hund nur Grenzen, wenn er diese herausfordert, in dem er seinen Besitzer in Frage stellt. Bei uns geben die Besitzer einen fairen Rahmen vor, in dem sich der Hund bewegen darf. Ab jetzt hat er die Wahl… Bleibt er innerhalb dieser Grenzen bekommt er positive Aufmerksamkeit. Überschreitet er die Grenzen, schauen wir erst einmal warum… Hatte er z. B. Angst, wird am Vertrauen gearbeitet… Zeigt der Hund sich halbstark und missachtet die Beziehung zu seinem Besitzer, dann setzen wir seine Grenzen durch, bis der Hund beschwichtigend kommuniziert. Auf gar keinen Fall bekommt der Hund in irgendeiner Form danach eine Belohnung Wir bringen den Hund dann unmittelbar in eine ähnliche Ablenkung. Beachtet er diesmal den vorgegebenen Rahmen, bekommt er die positive Aufmerksamkeit. Ansonsten dem Charakter entsprechend müssen wir solange seine Grenzen trainieren, bis er beschwichtigend kommuniziert und die Grenzen akzeptiert.

Auf keinen Fall spreche ich beim Grenzen setzen vom Strafen. Und übrigens bekommt meistens der Besitzer seine Fehler oder Grenzen von mir aufgezeigt, wenn er die Individualität seines Hundes missachtet.

Zurück zur Übersicht